Alternative Text

Bergit Kuhle

Mein Nachruf auf Sabine 10.12.1965 – 17.03.2016

IMG_1771IMG_1775

Als ich zwischen 2005 und 2007 an einem myelodysplastischen Syndrom (MDS) erkrankte, suchte ich im Internet nach Betroffenen, die ein ähnliches Schicksal ereilt hatte. Ich fand Kontakt zu einer kleinen Online-Gruppe von ca. 40 aktiven Chattern, die alle an verschiedenen Leukämieformen erkrankt waren, zum Teil akut, zum Teil bereits transplantiert und oftmals sogar geheilt.
So lernte ich Sabine als Ex-AML-Patientin nach erfolgreicher autologer Transplantation im Jahr 2007 kennen.

In dem kleinen Leukämie-Forum wurden vor allem Newcomer mit Fingerspitzengefühl „gecoacht“. Wie bewältigt man seinen Alltag mit einer schweren Leukämie-Erkrankung? Wie lernt man aggressive Therapien auszuhalten? Wie geht man mit schlechten Prognosen um? Sabine half, überzeugte mit eigenen Erfahrungen, hörte zu. Sie wurde schnell zu einer Online-Freundin, zu der ich fast jeden Tag im Chat Kontakt hatte. Einmal im Jahr traf sich die Gruppe für ein Wochenende von Angesicht zu Angesicht, Sabine organisierte die Treffen.
Nach ca. zwei Jahren war ich selbst bereit und fähig Neuerkrankten zur Seite zu stehen und sie mit meiner Erfahrung zu unterstützen. Schließlich teilten Sabine, eine weitere Freundin und ich uns die Admin-Aufgaben des Forums untereinander auf. Unsere Gruppe aber hatte jedes Jahr Verluste zu ertragen. Im Jahr 2010 z.B. verloren wir allein sechs Mitglieder an die Leukämie, an MDS oder an Transplantationsfolgen, darunter nahe stehende Freunde. Einige geheilte Mitglieder wandten uns den Rücken zu und orientierten sich um. Vom vielen Sterben und dem folgenden Mitglieder-Exodus hat sich das Forum nicht mehr erholt, nach langen Diskussionen schlossen wir es 2012.

 

 
Sabine ist am 17.März 2016 mit nur 50 Jahren gestorben. Sie starb nicht an einem Leukämie-Rezidiv, sondern an einer besonders schweren Form der Schweinegrippe mit nachfolgender Hirnblutung.  „In unseren Kreisen“ müssen wir „hardcore“ sein, wir müssen immer damit rechnen, dass jemand es nicht schafft, aber doch nicht Sabine, Sabine war geheilt ! Noch immer begreife ich es nicht wirklich. Kopfschüttelnd und tief erschüttert stand ich vor ein paar Tagen an ihrem Grab. Manchmal betrachte ich jetzt lange das Bild, das sie mir einmal gemalt hat und das über meiner Tür hängt. Viele Menschen haben von ihr Aquarelle und Acrylbilder gekauft. Ihre Bilder tragen das Versprechen von Licht und Hoffnung. Ihre Bilder waren niemals düster.
Nachdem sie und ihr Mann im Sommer 2015 den tragischen Verlust ihres Sohnes durch einen Autounfall zu beklagen hatten, hat sie sich wieder aufgerichtet und mit ihrem ehrenamtlichen Engagement weiter gemacht. Sie sah diese Arbeit als Aufgabe und Trost zugleich an.

 

 
Sabine ist mir 2012 zur Leukämiehilfe Rhein-Main e.V. gefolgt, um sich von da an dort für Patienten einzusetzen. Bis zu unserem letzten Treffen, beim Deutschen Krebskongress 2016 in Berlin (24.-27. Februar), haben wir viele Kongresse im In- und Ausland gemeinsam besucht, Standdienst für den Verein gemacht, Vorträge gehört und Patiententage betreut. Sie ist auf so vielen Fotos mit Menschen, die wir beide zusammen kennen gelernt haben. Wir hatten Spaß. Das Schönste war immer mit ihr zusammen darüber zu reden, was wir auf unseren gemeinsamen Reisen erlebt hatten, wie wir Situationen und Personen einschätzten und darüber, dass wir nicht missen mochten Patienten zu unterstützen und zu informieren, dass uns das Lebenssinn gab…Und jetzt ist Sabine nicht mehr da. Am 28. Februar haben wir noch zusammen in Berlin im Hotel gefrühstückt, bevor wir nach Hause fuhren, sie fühlte sich erkältet und schlapp.  Vier Tage später versetzten die Ärzte sie wegen der Schwere ihrer plötzlichen Erkrankung ins Koma, danach ist sie nicht mehr aufgewacht. Die Ärzte verloren den Kampf um ihr Leben am 17.März.

 

Ich vermisse meine Freundin sehr. Es tut weh.

 

Sie war Admin dieses Blogs: Blog4Blood trauert um Sabine Fleißner.

Worte des Gedenkens stehen auch auf unserer Hauptseite www.lhrm.de

 

 

IMG_1779

 

8 Kommentare zu “ Mein Nachruf auf Sabine 10.12.1965 – 17.03.2016 ”

  1. Ich habe Sabine erst spät kennengelernt. Richtig Kontakt hatten wir erst über diesen blog und den letzten Freiburger Patiententag. Sie war eine starke Frau, die vielen Mitpatienten geholfen und den schmerzhaften Verlust ihres Sohnes durch nicht nachlassende Aktivitäten bewältigt hat. Auch mich macht es fassungslos, dass Sabine nicht mehr unter uns sein soll.
    Wir werden sie in unseren Köpfen weiterhin liebevoll präsent behalten.

  2. Sabine war so eine tolle Frau. Ich bin traurig und sprachlos. R.I.P. Sabine!
    Alex

  3. Vor 3 Monate erreichte mich die traurige Nachricht, dass Sabine verstorben ist.
    Ich kann es immer noch nicht fassen. Ich denke immer noch, dass sie halt Urlaub hat und eines Tages wieder zur Tür herein tritt. Aber dies wird NIE der Falls sein.
    Durch ihren Tod haben wir nicht nur eine Kollegin, sondern einen herzensguten, aufrichtigen Menschen – eine Freundin – verloren.

  4. Renate Obermayr

    Es tut mir sehr leid für Sabine dass sie es nicht geschafft hat . Bin selber seit 2014 MDS Patientin wohne in Salzburg und werde vom Landeskrankenhaus betreut. Ich habe zur Zeit noch low risk bekomme zur reflimid und Retakrit. Würde mich gerne mit Menschen mit MDS austauschen. Liebe Grüße an Alle. Renate

  5. Scharbert, Marianne

    Ich finde erst heute, kurz vor Weihnachten, diese Zeilen. Besonders beeindruckt bin ich von den gefühlvollen Worten von Bergit Kuhle. Ich bin von Ihren Hinweisen und kompenten Informationen angetan. Bin traurig und kann die Gefühle nachvollziehen.
    Mein Lebenspartner ist hat mit 82 Jahren den Befund MDS erhalten. Ich weiß nicht, wie lange er noch durchhält. Bekommt zur Zeit Vidaza.
    Ein trotzdem frohes Weihnachtsfest wünsche ich Ihnen, liebe Bergit Kuhle.

    • Liebe Marianne,
      ich freue mich, dass du in unserem Blog stöberst, der eigentlich nicht mehr weiter geführt wird. Vor einigen Tagen hast du dich in der Facebook Gruppe aufnehmen lassen. Kannst du dich dort bitte noch vorstellen und die anderen Mitglieder an der Krankengeschichte deines Mannes teilhaben lassen. Das wäre sehr wichtig, da es unsere einzige Regel ist, sich vorzustellen, damit die anderen wissen, wer da mitliest und -schreibt. Viele Grüße, Bergit

      • Scharbert, Marianne

        Ja, ich stelle mich gerne vor. Bin 75 Jahre und wohne zur Zeit bei meinem Lebenspartner, der mit 82 Jahren seit Sept. 2016 an MDS erkrankt ist. Wir haben eine 3. Meinung eingeholt und er kommt um eine Chemotherapie mit Vidaza nicht umhin. Ich habe gelesen, daß dadurch die Lebenserwartung nur um 1/2 Jahr verlängert wird und frage mich, ob es dann überhaupt noch sinnvoll ist und wie sieht das Ende aus. Der Onkologe gibt keine direkte Auskunft. Es richtet sich nach den Blutwerten, die wöchentlich einmal kontrolliert werden. Von mal zu mal ein schlechteres Ergebnis. Hier in Hamburg-Bergedorf gibt es leider keine Selbsthilfegruppe oder MDS Patienten Austausch, deshalb bin ich ganz froh, Bergit gefunden zu haben. Lieben Gruß für 2018

Schreibe einen Kommentar