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MDS erleben und überleben – Die Stammzelltransplantation

Am 2. April 2007 wurde es ernst!

In die rechte Halsvene wurde ein Katheder eingesetzt.  An sechs aufeinander  folgenden Tagen erhielt ich darüber zwei unterschiedliche Chemotherapien (4x Busulfan und 2x Cyclophosphamit) verabreicht.  Außerdem musste ich noch unterschiedliche Tabletten und Medikamente zur Absenkung des Immunsystems einnehmen. Vorsorglich wurden, um dem Haarausfall vorzubeugen, Kopf- und Barthaare entfernt. Ich hätte nie gedacht, dass man ohne Haare so anders aussieht.

Langsam reagierte mein Körper auf den chemischen Cocktail  mit Appetitlosigkeit, leichtem Gliederzittern, stündlichem Toilettengang, Kopfschmerzen, beginnender Mund-schleimhautablösung und nächtlichen Schlafproblemen.

 

Am 10. April 2007, Dienstag nach Ostern, war es dann so weit.

Nach einem Beruhigungsmittel bekam ich über den Katheder die Stammzellen verabreicht.  Anschließend noch eine Insulinspritze zur Vorsorge.

Nachdem ich in ein anders Zimmer mit einem Schleusenraum verlegt wurde, galt es zu warten und zu hoffen, dass die fremden Stammzellen in meinem Körper das tun, was man von ihnen erwartet, nämlich aktiv zu sein und nicht abgestoßen zu werden. Bis die Therapie erste Erfolge zeigte, vergingen einige bange Tage, da sich vorerst eher unangenehme Reaktionen abzeichneten. Ohne sie verunsichern zu wollen, sollte ich ihnen jedoch nicht vorenthalten, wie  ich  alles erlebt und in Erinnerung habe:

Schluckbeschwerden, sichtbare Abstoßungserscheinungen, d.h. starke Hautrötung, Gewichtszunahme, Verdauungsprobleme, dazu Niereninsuffizienz, verbunden mit Fieber-temperaturen um 40°C  und damit die Verschlechterung des Allgemeinzustandes, machten mir zu schaffen. Das gipfelte darin, dass ich mich einige Tage wie im Koma befand. Dieser Zustand, bei dem es für mich, wie mir die Ärzte im Nachhinein sagten, “auf Messers Schneide” stand, dauerte vier bis fünf Tage.

Gerade an  diesen Tagen saß meine Frau stundenlang bei mir, unterhielt mich, las mir vor und informierte mich über alles Wichtige und Unwichtige, ohne jedoch zu wissen ob sie mich erreicht. Allein durch ihre Anwesenheit gab sie mir, trotz meines Unterbewusstseins, die Kraft dagegen zu kämpfen.

Nachdem ich diese Krise überstanden hatte, ging es mir zwar besser, aber einige Nachwirkungen der vorangegangenen Behandlungen waren immer noch präsent. Rötung und Unterblutung verschiedener Hautpartien, gaben mir immer mehr das Aussehen eines Indianers. Das bereitete den Ärzten Kopfzerbrechen. Da das in dieser Intensität kaum vorgekommen war, wurden Hautgewebeproben entnommen und pathologisch untersucht. Besonders zu schaffen machte mir die langsam beginnende schmerzhafte Abstoßung sämtlicher Hornhaut an Händen und Füßen. Ich konnte, trotz besonders fettiger Salben, kaum noch die Finger bewegen.

Mit der Verabreichung anderer bzw. neuer Medikamente und damit verbundener Magenprobleme wurde meine Ernährung über Tropf vorgenommen.

Aufstehen, Waschen, Duschen und die obligatorische Benutzung der Gummihandschuhe gelang mir nur mit Hilfe des einfühlsamen Pflegepersonals. Wenn nichts mehr richtig funktioniert, ist einem die Benutzung des Nachtstuhls, der Windelhosen oder das sich Waschen lassen nicht einmal peinlich. Einige Tage später konnte ich, dann allerdings aus eigener Kraft, wieder Bad und Toilette aufsuchen. Nach weiteren Medikamentenumstellungen und intensiver Sauerstoffzuführung ging es bergauf und es zeigten sich erste, Erfolg versprechende Ergebnisse. Die fremden Stammzellen wurden von meinem Körper angenommen und begannen ihre Aufgabe zu übernehmen!

Nochmalige wichtige Blut- und Thrombozyten- Transfusionen und der unterschwellig immer vorhandene “eiserne Wille” wieder geheilt nach Hause zu kommen waren dabei hilfreiche Kriterien.

Ich erholte mich langsam, durfte wieder aufstehen, erhielt physiotherapeutische Behandlungen und konnte  mit Überwindung des „Inneren Schweinehundes“ Schritt für Schritt auf dem langen Klinikflur langsam wieder die Muskeln aufbauen und weitere Spaziergänge machen. Die neue Haut auf den Fußsohlen reagierte dabei allerdings mit schmerzhaften Blasen.

Die von den Ärzten verordnete Umstellung auf feste Nahrung war zwar leicht gedacht, aber schwer getan. Der Geschmack vieler Speisen, alles Gebratene, Wurst  oder Fleisch, wich von dem der Erinnerung ab und musste neu erkannt werden. Manches Essen regte mehr die Übelkeit als den Appetit an. Außerdem wurden die Portionen, die ich zu mir nehmen konnte, nicht größer. Sie beschränkten sich meist auf ein halbes Brötchen mit Marmelade oder Käse bzw. einen kleinen Pudding. Außerdem musste die Verdauung wieder in Gang kommen. All das und die Abneigung gegenüber vielem Essbaren hatten das Ergebnis, dass ich seit der Einlieferung über 10 kg abgenommen hatte.

Im Gegensatz dazu ergaben die Laborwerte eindeutige Verbesserungen, so dass von Seiten der Ärzte schon ernsthaft über eine baldige Entlassung gesprochen wurde. Trotzdem war ich überrascht, als ich am Samstag, dem 12. Mai entlassen wurde. Eigentlich empfand ich mein Allgemeinbefinden gar nicht so berauschend. Aber was bedeutet schon die Empfindung des Patienten gegenüber der Erfahrung der Ärzte?

 

(letzte Fortsetzung folgt kommende Woche)

 

Günter Mory

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