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Bergit Kuhle

„GESTERN konntest du doch noch viel länger und schneller laufen….“

„GESTERN konntest du doch noch viel länger und schneller laufen….“
O-Ton meiner Freundin mit einem P für Panik in den Augen, weil wir meinetwegen so langsam waren und beinahe den Zug von Berlin nach Hause verpasst hätten. Wir haben ihn gerade noch erwischt, obwohl „mein“ Fahrstuhl auf den Bahnsteig einfach nicht losfahren wollte, während meine Freundin mit Gepäck, ihrem und meinem natürlich, die Treppen herauf raste.
Es tat mir so leid, weil sie Schiss hatte, ich würde gleich zusammen klappen und leider teilte ich ihre Sorge: Verdammte Tachykardie und Puddingbeine. Aber dann ging alles nochmal gut.
Ich war mit meinen beiden ältesten Freunden drei Tage in Berlin. Wir, zwei Frauen und ein Mann, kennen uns seit 44 Jahren und wohnen in drei verschiedenen Städten. Es war ein wunderschönes Wochenende, für Anfang November ungewöhnlich sonnig und warm am Wannsee… Ich habe alles gekriegt, was ich mir im letzten Blogartikel „Ich will mal wieder Spaß !“ http://blog4blood.de/ich-will-mal-wieder-spass/ gewünscht habe, genau so, mit allem Tiefgang, unbändigem Lachen und anspruchsvollen Gesprächen….sowie einem Schnelldurchgang durch die letzten 44 Jahre.

 
Meine Freunde wissen von meiner Erkrankung: „Kannst du noch?“ „Sollen wir uns lieber mal wieder hinsetzen?“ „Möchtest du dich ausruhen?“ „Gib mal deine Tasche“ „Sollen wir für diesen Weg lieber ein Taxi nehmen?“ Liebevolles Nachhaken, beinahe bis zu meiner Schamgrenze. Wieso eigentlich „Scham“, warum kann ich damit immer noch nicht umgehen, wenn andere Hilfe anbieten? Obwohl ich sie brauche, weil ich sie brauche.

 
In Berlin sind die Wege immer weit. Natürlich sind wir Taxi gefahren und Bus und S-Bahn, nicht mal U-Bahn wegen der vielen kaputten Rolltreppen. Aber ich konnte doch nicht auch noch zugeben, dass für mich sogar der Wechsel zwischen den Transportmitteln Schwerstarbeit ist.

 
Ich kam mir vor wie die kleine Meerjungfrau mit ihrem Fischschwanz aus dem Andersen-Märchen. Sie bekommt zwar Beine geschenkt, um mit ihrem menschlichen Liebsten zusammen sein zu können, aber nur um den Preis von unsäglichen Schmerzen bei jedem Schritt. Sie erträgt und lächelt. Es ging nicht anders, ich hätte sonst abbrechen, um für Stunden oder sogar bis zum anderen Morgen ins Hotel verschwinden müssen. Immerhin habe ich mich am zweiten Tag nachmittags drei Stunden ausgeruht, aber leider reicht das nicht um sich zu erholen.

 
Gut, ich habe 50 Löffel für die Berlinreise mitgenommen, wobei ein Löffel einer Energieeinheit entspricht. 15 Löffel pro Tag plus 5 Löffel eiserner Vorrat. Ich hätte besser wirtschaften müssen, aber können? Wenn mich schon Duschen 2 Löffel kostet und ein 15min Weg mindestens 5. Jedenfalls hatte ich am Abend vor der Heimfahrt nach Spaziergang am Wannsee, S-Bahn hin und her, Essengehen, ständigen lebhaften Gesprächen, Kino und Kneipe bis um 1.00 h morgens (mit zwei meinem Zustand abgetrotzten Campari Orange. Lecker!) nur noch zwei Löffel übrig. Zu wenig um den Weg morgens zu Fuß vom Hotel bis zum S-Bahnhof zu schaffen, ein Weg, der für Gesunde gerade mal 10 min. dauert und keinerlei Steigung aufweist.

 
„GESTERN konntest du doch noch viel länger und schneller laufen….“ : Ja, und genau deswegen, kann ich es heute nicht mehr…

 
Die Löffel-Theorie findet man übrigens im Original als „The Spoon Theory“ von Christine Miserandino. Christine hat Lupus. Sie erfand den Löffel-Vergleich, um ihrer Freundin die kraftraubende, chronische Krankheit zu schildern. Allein bei dem Namen von Christines Website muss ich schon grinsen:

www.butyoudontlooksick.com. Die Frau weiß Bescheid.

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